31 Oktober 2010

Guter Auftakt

Die Prominenten standen im Nieselregen und freuten sich auf ihre Treckerfahrt. Der Musiker Bela B. war im Stau steckengeblieben, aber sonst waren alle da: Von Charlotte Roche bis Claudia Roth, von Daniel Wiemer bis Jürgen Trittin. Im Blitzlichtgewitter und unter dem Gelächter des Publikums gaben sie ihr Versprechen per Handschlag ab, sich für die Forderung der Bauern „Kein Atommüll in Gorleben!“ einzusetzen. Für die prominenten Künstler/innen kein Problem, für die Grünen zur Zeit auch nicht, für die SPD aber schon, von ihnen fehlten die Vertreter/innen, trotz ausdrücklicher schriftlicher Einladung. Das werten wir erstmal als Zeichen ihrer Ehrlichkeit.
Jungbauer Johann durfte seinen ersehnten Gast Charlotte kutschieren, eine unübersehbare Kolonne von Traktoren im Schlepptau. 600 wurden gezählt - ein Allzeitrekord im Bäuerlichen Widerstand des Wendlandes.
Etwa 200 von ihnen blieben im Ort Splietau auf der Transportstrecke stehen, 500 Meter vom Kundgebungsplatz entfernt. Dort wurde grade spontan applaudiert: Die Sonnen brach durch die Wolken und hüllte die fröstelnde Menschenmenge in Wärme und Licht. Als bekannt gegeben wurde, dass es etwa 50.000 waren, die auf dieses abgeerntete Maisfeld gekommen waren, und dass immer noch viele in ihren Autos auf den Bundesstrassen nach Uelzen und Lüneburg auf dem Weg waren, wurde die Stimmung noch besser. Das war schon eine Art Festival, das da stattfand, mit Musik, Buden und Familienangeboten. Ein neues Erlebnis für die wendländische Anti-Atom-Bewegung. Bis dahin gab es nur „Latschdemos“ und nüchterne Auftaktkundgebungen zum Beginn der „Castortage“.
Wie schnell aber diese friedliche bunte Bild verwehen kann, davon gab es einen ersten Vorgeschmack am Rande des Kundgebungsplatzes. Ein paar Dutzend Autonome hielten sich nicht an die friedliche Verabredung und gruben ein Loch in die Strasse. Es gab eine Rangelei mit der Polizei, der Probst griff ein, Anwälte, Bauern und Leute aus der Bürgerinitiative, dann entspannte sich die Situation wieder.
In Splietau wurde klar, dass die kommenden Tage kein Spaß werden. Die dort verkeilten Traktoren wurden von der Polizei aufgenommen, es gab erste verbale Auseinandersetzungen zwischen leitenden Polizisten und einigen Fahrern, und auf der Zufahrtsstrasse von Seybruch wartete eine Kolonne der Magdeburger Bereitschaftspolizei auf ihren Einsatz.



Die nördliche Transportstrecke zwischen Quickborn und Grippel war da schon mit Flutlicht-Kontrollposten und Absperrungen in eine Hochsicherheits-Trasse verwandelt. So bunt und lebhaft der Tag begonnen hatte, so nervös und hart endete er.Der Atommüllzug überschritt da schon die Grenze nach Deutschland.