Proteste gegen Massentierhaltung:
Keil in der Anti-Atombewegung?
(28. Juli 2011)„Maststall-Keil in der Castor-Front“ titelte das Regionale Blatt „Elbe-JeetzelKonflikt“ und berichtet: „Konflikt um Massentierhaltung bringt BI und Bäuerliche Notgemeinschaft offenbar auf Konfrontationskurs“. Der Autor Rouven Groß sieht „eine Zerreißprobe“ drohen: Während viele Mitglieder der Bürgerinitiative Umweltschutz gegen geplante Tiermastställe protestieren wollten, stellten sich Mitglieder der Bäuerliche Notgemeinschaft auf die Seite der Mäster. Wer das ist, wie viele es sind und was sie genau kritisieren, wird nicht näher erläutert.
Weder die BI noch die Notgemeinschaft denken jedoch daran, ihre bislang gute Zusammenarbeit in der Atompolitik wegen unterschiedlicher Auffassungen einiger Mitglieder in der Tiermastfrage aufzukündigen. Das haben sie dem Autor Groß auch auf dessen Anfrage hin mitgeteilt. Diese Erklärungen hat der Redakteur jedoch weitgehend ignoriert, ihm ist offenbar daran gelegen, die Auseinandersetzungen um die Tiermastställe ein wenig aufzublasen, wenn es sein muss, eben mit heisser Luft.
Das gleiche Interesse verfolgen auch andere Akteure, in vorderster Front Funktionäre des Bauernverbandes, der in Niedersachsen Landvolk heisst. In den letzten Jahren mussten sie eine Menge Kritik einstecken; viele Mitglieder warfen ihnen vor, sich um die Interessen der bäuerlichen Landwirtschaft zu wenig zu kümmern und sich stattdessen zu einer Lobby für die Agrarindustrie zu entwickeln. Nun sehen sie offenbar die Chance, sich als Bauernführer zu profilieren, und blasen kräftig in die Fanfare. Ihre Postille „Land & Forst“ schreckt nicht einmal mehr vor persönlichen Diffamierungen von Kritikern zurück – eines ihrer Opfer ist der Pressesprecher der „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“, Ekkehard Niemann. Die Auseinandersetzungen eskalierten.
Die Bäuerliche Notgemeinschaft hat die streitenden Parteien aufgefordert, zu sachlichen Debatten zurückzukehren und auf militante Aktionen wie auf politisches Kampfgeschrei zu verzichten. Zur Tiermastproblematik bezieht die Notgemeinschaft ebenso wenig Stellung wie zu anderen agrarpolitischen Fragen.
Das hat gewichtige Gründe: Sie versteht sich als atompolitisches Aktionbündnis, aber nicht als Berufsverband. In der Bäuerlichen Notgemeinschaft engagieren sich Bauernfamilien und ihre Freunde und Sympathisanten für ein gemeinsames Ziel: Für die Abschaltung aller Atomkraftwerke, für einen verantwortlichen Umgang mit dem Atommüll und für die Schliessung des Endlagerbauwerk Gorleben. Sie will bewusst für alle Bauernfamilien offen stehen. Es spielt keine Rolle, ob sie ihre Betriebe konventionell, ökologisch, biologisch oder nach anderen Kriterien bewirtschaften, oder keine Rolle, welcher politischen Partei jemand angehört. Ein Landvolk-Mitglied kann genauso mitmachen wie jemand aus dem Bund der Milchviehhalter oder der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Diese Vielfalt gehört zum Wesen der zur Bäuerlichen Notgemeinschaft, seit ihrer Gründung vor mehr als 30 Jahren. Dass sie in all den Jahren in der Lage war, sie im gemeinsamen Widerstand gegen die Atomkraft zu bündeln, darin liegt ihre Stärke.
Zu den wichtigsten Grundsätzen der Bäuerlichen Notgemeinschaft gehört die Toleranz. Das gilt auch und grade für agrarpolitische Diskussionen: Sie sind willkommen, dürfen aber nicht zu einer Spaltung führen. In diesen Fragen, egal ob es sich um Tierhaltung, Biogasanlagen oder Umweltfragen handelt, ergreift die Notgemeinschaft als Organisation bewusst nicht Partei. Denn jede Parteinahme, egal wie sie ausfällt, würde immer einen Teil ihrer Mitglieder ausschliessen. Das gilt auch und grade für die Auseinandersetzungen um die Tiermast.
Der Konflikt um die Hähnchenställe ist keine einfache Frage. Die Zusammenhänge sind komplex, der Vormarsch der Agrarindustrie findet nicht nur im Bereich der Fleischproduktion statt. Wer diese Entwicklungen auf eine simple moralische Sortierung in Gut und Böse reduziert, kann auch die Rolle der Bauern, die sich als Vertragsmäster verdingen, nicht verstehen.
Er wird nur eines erreichen: Eine Vergiftung des Klimas in den Dörfern der Region.
Wer sich für den Schutz der bäuerlichen Landwirtschaft engagieren will, muss die Landwirtsfamilien davon überzeugen. Bislang standen die Chancen dafür nicht schlecht. Das zeigt nicht zuletzt das unerwartet schlechte Echo auf das Angebot der Fleischkonzerne. Die Rothkötter-Gruppe braucht für den Vollbetrieb ihres geplanten Schlachthofes in Wietze 400 Mäster als Zulieferer – bekommen hat sie bislang nur 20. Das reicht nicht einmal für eine Schicht, bei weitem nicht. Ein ausnehmend schlechtes Ergebnis – obwohl der Bauernverband mächtig für die Lohnmast geworben hat. Das ist sicher eines der Gründe, warum die Landvolk-Führer den Konflikt nun anzuheizen versuchen: Sie hoffen, dass sich wieder mehr Bauern um sie scharen.
Es wäre also auch für die Sache der Tiermastgegner besser, wenn sie sich auf die Überzeugungskraft ihrer Argumente verlassen und eine Zuspitzung des Konfliktes vermeiden würden.
