Wendländisches Poesiealbum

Der aussichtslose Kampf der einsamen Landpreppies

Die Junge Union Lüchow-Dannenberg ist in keiner beneidenswerten Lage. Die Nachwuchspolitiker wollen auch etwas zur Atompolitik sagen. Zu einer eigenen Informationsveranstaltung reicht die Substanz aber nicht, nicht einmal zu einer Pressemitteilung. Ersatzweise haben sie eine Leserbrief-Kampagne gestartet. Nach dem „stellvertretenden Vorsitzenden der JU Lüchow-Dannenberg“, Christian Schulz, stellt nun auch Christian Carmienke, Beisitzer im JU-Vorstand und Kreistagsmitglied, die Kritiker des Atommüllendlagers Gorleben in die Ecke der Verantwortungslosen: Die könnten ja auch nicht sagen, wohin mit dem ganzen Atommüll. (Natürlich kann das niemand, bekanntlich gibt es weltweit kein Endlager für hochradioaktiven Atommüll.)
Diskutieren alle Atomkritiker „emotional und unsachlich“? Nein nicht alle. Carmienke führt als positives Beispiel Pastor Kruse an, der eine vergleichende Endlagersuche fordere. Das sei eine sachliche Haltung, mit Kruse würde er gern diskutieren.
Woraus allerdings folgt, dass die CDU, die sich mit dem Verweis auf Gorleben einer solchen vergleichenden Suche schlicht verweigert, unsachlich sein muss. Das hat Carmienke nicht bedacht.
Unglücklicherweise konnte er beim Abfassen der Leserbriefes auch noch nicht wissen, dass Pastor Kruse im Namen der Kirche eine Klage gegen den Weiterbau in Gorleben einreichen würde. Die wird nach Einschätzung des Oberlandesgerichtes erstmal die Einstellung der Arbeiten nach sich ziehen – für mindestens ein Jahr. Und dann wird in der Sache entschieden, wobei die Klage als durchaus aussichtsreich eingeschätzt wird.
Die Junge Union Lüchow-Dannenberg ist wirklich in keiner beneidenswerten Lage: Zerrieben zwischen Atom-Partei und Landvolk wird sie nun auch von ihrer Kirche im Stich gelassen. Und wohin mit dem ganzen Atommüll kann der CDU-Nachwuchs auch nicht sagen. Warten wir d
en nächsten Leserbrief ab, vielleicht fällt einem anderen Vorstandsmitglied ein Ausweg ein.

Für Verantwortung verantwortlich: Karin Bertholdes-Sandrock

Absolutes Schweigen zur Gorleben-Problematik bei der CDU Lüchow-Dannenbergs. Nicht einmal der Fraktionsvorsitzende im Kreistag, Klaus Wohler, der doch in der Gemeinde Gorleben wohnt, mag sich verantwortlich zu den aktuellen Entwicklungen äussern. Die Internetseite der Kreis-CDU verweist auf die Landtagsabgeordnete Karin Bertholdes-Sandrock. Atomfragen fallen wohl in deren Verantwortung.
"Die Frage der Endlagerung muss gelöst werden – völlig unabhängig davon, wie man zur Kernenergie steht." Das teilte Bertholdes-Sandrock vor genau zwei Jahren mit.  Es sei die "Verantwortung in dieser Generation", den Atommüll irgendwo unterbringen. Vor gut einem Monat hat sie dieselbe Verantwortung erneut angemahnt: Sie sah die jetzige Bundesregierung in der Pflicht und forderte diese auf, sich der Verantwortung zu stellen. 
Und die Bundesregierung hat unverzüglich reagiert: Sie hat den Atomdeal über eine Verlängerung der Laufzeiten eingefädelt. Was geschätzte 5000 Tonnen hochradioaktiven Atommülls mehr bedeutet – ein Drittel mehr. Die dann erst recht irgendwo hin müssen. Die Verantwortung ist damit noch grösser geworden. Dazu fällt Bertholdes-Sandrock nichts Verantwortliches ein, also schweigt sie.
Und wenn Gorleben sich doch als ungeeignet herausstellt? Das wäre unverantwortlich. Denn der Atommüll muss ja irgendwo hin, völlig unabhängig davon, wie man zur Kernenergie steht.
„Wer in Gorleben nichts tun will, muss sagen, was er machen will, um den Atommüll sicher zu lagern. Das ist unsere Verantwortung in dieser Generation“, sagt Bertholdes-Sandrock. Nun gehört der Satz "Wer in Gorleben nichts tun will, muss sagen, was er machen will, um den Atommüll sicher zu lagern" zur regierungsamtlichen Sprachregelung, den plappert sie nur nach. Unsinnig ist er ausserdem, weil alle möglichen Wissenschaftler und Kritiker sagen, was sie machen wollen: Eine vergleichende Endlagersuche nach internationalem Standard – mit der Option, den Atommüll jederzeit kontrollieren und zurückholen zu können. Warum Bertholdes-Sandrock das für verantwortungslos hält, hat sie bislang nicht erklärt. Dabei ist sie ausgebildete Lehrerin.

Gorleben-Schlichtung: Natürlich nur mit Baustopp!

Die Niedersächsische Landesregierung bestätigte, dass es im Bundesumweltministerium Überlegungen gibt, einen externen Schlichter für Gorleben zu benennen. Der Vorschlag kommt zwar 33 Jahre zu spät. Aber er hat doch einiges für sich, wenn man näher drüber nachdenkt.
Beispiel Flughafen Frankfurt: Als der eine neue Startbahn bekommen sollte, hat eine Gruppe von Mediatoren acht Jahre lang mit der betroffenen Bevölkerung und den Flughafenbetreibern an einem Tisch gesessen – bevor gebaut wurde, wohlgemerkt.
Ein runder Tisch in Gorleben würde mit Sicherheit länger tagen müssen. Erstens wegen der Zusammensetzung des "Runden Tisches", wie sie der Samtgemeindebürgermeister Schröder vorgeschlagen hat: Er will vor allem Feuerwehrleute, Schützenbrüder, Sportsfreunde und andere gesellschaftliche Gruppen einbinden, die nichts gegen Atomanlagen haben. Meistens wissen sie aber auch nicht viel darüber. Zudem wird der Samtgemeindebürgermeister Schröder zwischendurch immer wieder in Hannover erfragen müssen, was er jetzt sagen soll. Auch das kostet Zeit.
Und zweitens, weil das Institut für Technikfolgenabschätzung, das ein Verfahren für Bürgerbeteiligung nach den Vorgaben des Umweltministeriums ausgearbeitet hat, selbst schreibt, dass man einen Bürgerdialog ohne eine Suche nach Alternativstandorten für ein Endlager eigentlich gar nicht ernst nehmen könne. Die jedoch wird von den Atomfreunden aus Süddeutschland beharrlich blockiert.
Vielleicht sollten wir doch mit den Ministerien über eine Schlichtung verhandeln. Denn während der Schlichtungsgespräche müssen die Bauarbeiten ruhen, das lernen wir grade von Stuttgart21 und dem Mediator Heiner Geißler.  
Mit einer Fortsetzung der Endlager-"Erkundung" wäre also – wenn sie überhaupt jemals wieder aufgenommen wird – nicht vor 10 oder sogar 20 Jahren zu rechnen.

Rut ut de Kartüffeln!

Der Dannenberger Kartoffelsonntag ist das grösste „Volksfest“ in Lüchow-Danneberg: Zehntausende schlendern durch die Lange Strasse, und gucken, schnacken, essen und kaufen. In diesem Jahr wird er verschoben, denn der Atommüllzug kommt ausgerechnet an diesem ersten Kartoffel-Wochenende im November. Die Absage hält der Kommentator der Elbe-Jeetzel-Zeitung für unnötig. Dannenberg hätte froh sein können, denn sicher wären noch einige Menschen von der Demonstration am Vortag übrig geblieben, die sich dann am Sonntag noch ein wenig Pufferduft hätten um die Nase wehen lassen. An wen dachte er da – an die schwarzgekleideten Brigaden aus der Magdeburger Polizeikasernen? Oder an die als Gewaltprotestierer verkleidete Verfassungsschützer, die noch ein paar Überstunden abbummeln?
Ein Gutteil der normalen Menschen, die sonst den Kartoffelsonntags besucht hätten, geht diesmal demonstrieren. Denn die Protestaktionen beschränken sich erfahrungsgemäss nicht auf die Auftaktkundgebung am Sonnabend. Diesmal werden es tausende Demonstrant/innen sein, die im Wendland bleiben und die Castoren erwarten. Mal abgesehen von den Verkehrsbehinderungen: Die anderen kämen sich vielleicht ein bißchen albern vor, in einer solchen Stimmung fettdünstende Kartoffelbratereien und alberne Kostüm-Indianer zu besichtigen. Strahlender Atommüll, gepanzerte Polizisten und Wasserwerfer sind ein Stimmungskiller – zumindest für verkaufsoffene Sonntage.
Am Tag zuvor ist dagegen gute Stimmung garantiert: Auf dem Kundgebungsplatz der Atomkraftgegner/innen bei Splietau.